26.05.2007, 14:02
Zitat:Original von Dr. Friedrich McClane
Madame Nara, lassen Sie uns alle an Ihrem Wissen teilhaben; bloße Behauptungen aufzustellen, das kann jeder, begründen nur die wenigsten - gewiß darf man Sie zu zweiten zählen oder?
Bisher haben Sie und Herr zu Grimmberg bloße Behauptungen aufgestellt ohne sie zu begründen

Aber gut, ich gehe gern in Vorleistung:
Mal abgesehen davon, daß man auch einen Mindestlohn von 0,5 Euro die Stunde festlegen könnte, wodurch sich gar nichts ändert, weil für weniger sowieso keiner arbeitet:
Herr zu Grimmberg behauptete, ohne zu begründen, daß durch den Mindestlohn Arbeitsplätze vernichtet werden und das ist vielleicht nicht einmal falsch.
Betriebswirtschaftlich betrachtet sind das höhere Kosten und wenn diese nicht mehr zu decken sind, wird ein Betrieb Leute entlassen oder den Laden dicht machen.
In anderen Bereichen wird jedoch nur der Gewinn geschmälert und niemand entlassen oder es wird auf die Preise umgelegt.
Auf der anderen Seite verfügen diejenigen, die vom Mindestlohn nun profitieren, über ein höheres Einkommen und die Nachfrage steigt.
Wenn der Friseurbesuch durch den Mindestlohn also 5 oder 10 Euro teurer würde, würde vllt. einige auf Selberschneiden umsteigen, andere würden den Mehrpreis einfach zahlen und der Sicherheitsmann, der vom Mindestlohn profitiert, würde vllt. nicht mehr Selberschneiden, sondern zum Friseur gehen.
Gesamtwirtschaftlich gesehen würde doch "nur" eine Umverteilung stattfinden, aber die Nachfrage nicht sinken. Im Gegenteil, da Geringverdiener tendenziell mehr von jedem verdienten Euro für Konsum ausgeben und nicht sparen, könnte die Nachfrage theoretisch sogar steigen.
Im Ausland wurden ja auch Mindestlöhne eingeführt und es wurde da genauso befürchtet, daß massenhaft Jobs verloren gehen. Dies ist jedoch nicht geschehen. Es gibt in vielen Staaten Mindestlöhne, manche haben eine höhere Arbeitslosenquote als Deutschland, andere eine niedrigere. Einen Zusammenhang von Höhe der Arbeitslosigkeit und Mindestlöhnen/Mindestlohnhöhe gibt es meines Wissens nach nicht.
Was wirklich Arbeitsplätze kosten könnte, wäre eine verstärkte Automatisierung, also die Ersetzung von nun teurerer menschlicher Arbeitskraft durch mechanische.
Das ist grundsätzlich ein positiver Vorgang, da das Ziel ja ist, die (menschliche) Arbeit zu minimieren und den Wohlstand zu vergrößern. Diesem (allgemeinen) Problem muß man anders begegnen, z.B. durch Arbeitszeitverkürzung. (Wer durch den Mindestlohn 50% mehr verdient, wäre vielleicht eher zu einer 10% Arbeitszeitverkürzung zu bewegen.)
Aber da ist ja noch das böse Ausland. Mal abgesehen davon, daß die meisten EU-Staaten Mindestlöhne haben und ein Unternehmen also nichts davon hat wegen dem Mindestlohn in Deutschland in ein anderes Land mit Mindestlohn abzuwandern.
Auch die osteuropäischen Staaten haben zum Teil Mindestlöhne. Es ist also auch nicht die Frage Mindestlöhne ja oder nein, sondern wenn dann die Frage: Wie hoch sollen sie sein?
Da sind wir schon bei Ihnen: Die Konzerne wandern ab!
Da liegt das Problem schon darin, daß die meißten großen Konzerne in Deutschland vom Mindestlohn überhaupt nicht betroffen sind, da sie sowieso mehr als die 7,50 Euro Stundenlohn zahlen. Welches Dax-Unternehmen zahlt weniger als 7,50 Euro die Stunde? Selbst wenn in einigen Bereichen (Sicherheit, z.B.) weniger gezahlt würde, glauben Sie ernsthaft, daß ein Konzern wegen den Mehrkosten durch ein paar Sicherheitsleute seine Produktion verlagern würde?
Was sind denn die großen Bereiche, wo Mindestlöhne wirken würden: Sicherheit, Post, Bäcker, Friseure, Landwirtschaft, Reinigungsfirmen, Call Center? Diese kann man zum Teil einfach nicht verlagern, weil sie ortsgebunden sind und in anderen Bereichen kann man bei den Löhnen sowieso nicht konkurrieren also sollte man es auch nicht länger versuchen, sondern diese Leistungen im Ausland kaufen (das ist ja gerade die Idee und der Witz am Freihandel! Danach schreien die Kapitalisten und manche Politiker immer, aber ihn richtig anzuwenden und die Konsequenzen zu tragen, dazu sind sie zu feige.).
Das Problem liegt mMn nicht im Mindestlohn, Kündigungsschutz oder den Lohnnebenkosten (noch so ein vollkommen überbewertetes Thema).
Das Problem liegt darin, daß in Bereichen konkurriert wird, wo der Wettbewerb nicht hingehört. Es wird nicht um eine möglichst effiziente Produktion, um technologischen Fortschritt und Innovation gerungen (da müßte man ja investieren, hat ein Risiko und kurzfristig keine 100% Gewinnsteigerung), sondern man konkurriert bei Arbeitslöhnen, bei Steuer- und Abgabesystemen, beim Umwelt- und Arbeitsrecht, bei Sozialversicherungssystemen. Warum? Weil es einfacher ist! Die Staaten lassen sich bereitwillig gegeneinander ausspielen, begeben sich sehenden Auges in eine Abwärtsspirale und sind immer unfähiger, die ihnen von den Bürgern übertragenen Aufgaben wahrzunehmen.
Man müßte also zusehen, daß die Rahmenbedingungen (Abgaben, Recht, Löhne, Sozialsysteme) mittel- und langfristig (zumindestens erstmal in Europa) vereinheitlicht werden. Dann könnten die Unternehmen auf gleicher Basis konkurrieren. Wenn alle den gleichen Mindestlohn haben, spielt er für die Konkurrenzfähigkeit keine Rolle mehr.

